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Kommentar zum Nobelpreis an Gabriel García Márquez: Weg von der Literatur als leere Worthülse?

Verfasst von Urs Scheidegger | |   Sprachriff

Der Nobelpreis für Literatur ist am Donnerstag an den kolumbianischen Schriftsteller Gabriel García Márquez vergeben worden. Die schwedische Akademie der Wissenschaften würdigte mit ihrer Entscheidung «seine Romane und Novellen», in denen sich «das Phantastische und das Realistische in einer vielfacettierten Welt der Dichtung vereinen, die Leben und Konflikte eines Kontinents widerspiegelt».

Es macht den Anschein, als ob sich die schwedische Akademie mit der Verleihung des Literaturpreises an den Kolumbianer Gabriel García Márquez auf die ureigenste Bedeutung des Wortes Literatur besinnt: Auf die Lese- und Schreibkundigkeit eben und sich so gegen den vorab auch im deutschen Sprachbereich verflachenden Literaturbetrieb wendet, der sich zurzeit wenigstens als auf Selbstbeobachtung und Selbsterforschung bedachter zeitkritischer Psychologismus abstempeln lässt. Allerdings wäre es leichtfertig, wenn nicht gar beleidigend, die diesjährige Preisverleihung  im entwicklungshelferischen Sinn auszulegen, zumal sich die lateinamerikanische Literatur auf ihrem langen Weg aus einer Art Minderwertigkeitskomplex zu einem beachtenswerten Bestandteil der Weltliteratur gemausert hat. Die Namen Vallejo und Huidobro, Borges, Paz, Neruda und eben García Márquez - auf internationaler Ebene heute als einer der prominentesten lateinamerikanischen Autoren gepriesen — genügen als Hinweis dafür, dass die Formen, Modelle und Visionen von höchstem ästhetischen Rang sind.

Während die Jury noch vor zwei Jahren den Preis einem Exilpolen zusprach mit der Begründung, Milosz habe mit «kompromisslosem Scharfblick der exponierten Situation des Menschen in einer Welt von schweren Konflikten Ausdruck verliehen», und während noch im letzten Jahr Elias Canetti den Preis für ein schriftstellerisches Werk, «geprägt von Weitblick, Ideenreichtum und künstlerischer Kraft», entgegennehmen durfte, scheinen sich die Preisverleiher heute eher auf die gesellschaftspolitische Funktion von Literatur zu besinnen.

Hierzulande haben es gewisse Autoren im Anschluss an die bittere Erfahrung der zur Magd degradierten Literatur vorgezogen, statt bei Demonstrationen mitzuwirken und an Kundgebungen teilzunehmen, in einer Anwandlung von Ichbesessenheit an die Schreibtische zurückzukehren. Ganz anders in Lateinamerika, wo der Literatur von alters her eine andere Aufgabe zukam. Für die Schreibkundigen galt es dort vor allem, die Stimme denen zu leihen, die sich nicht artikulieren können - und das sind Millionen, das ist die Mehrheit. Insofern hat Literatur auch als Ersatz für den Journalismus (García Márquez war eine Zeitlang Journalist und Filmemacher) oder die politische Debatte gedient.

Vor dem Hintergrund all dieser Umstände ist es aber auch nicht so, dass sich - gerade was García Márquez’ Werke betrifft - alles nach der Devise «volkstümlich-schlicht und grad drauflos» beiseitelegen lässt. Ganz im Gegenteil. Gerade der vorab den romanischen Literaturen eigene Zug phantastischer Träumereien, der Hang zum Märchenhaften, das hypnotische Auskosten von Mythen, das Magische, das Alptraumähnliche, die Suggestionskraft - all dies erschwert manchem Leser germanischer Zunge den Zugang; oder aber lässt zumindest im Falle einer versuchten Lektüre alles als formale oder inhaltliche Verstiegenheit (v)erkennen. Allein dies darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass Gabriel García Márquez auch im deutschsprachigen Raum seine Leser findet. Wie sonst liesse sich erklären, dass von seinem Frühwerk «Laubsturm» (1955) bis zur «Chronik eines angekündigten Todes» (1981) beinahe alles bereits in deutscher Übersetzung vorliegt, und er so nicht, wie einige seiner Vorgänger, erst durch die Preisverleihung in den Genuss von Übersetzungen kommt?

Urs W. Scheidegger


22. Oktober 1982

Nobelpreis für Literatur an den Kolumbianer Gabriel García Márquez

Von Castro und Hemingway beeinflusst

ap. Der Nobelpreis für Literatur ist am Donnerstag an den kolumbianischen Schriftsteller Gabriel García Márquez vergeben worden. Die schwedische Akademie der Wissenschaften würdigte mit ihrer Entscheidung «seine Romane und Novellen», in denen sich «das Phantastische und das Realistische in einer vielfacettierten Welt der Dichtung vereinen, die Leben und Konflikte eines Kontinents widerspiegelt». Der 54jährige, der der kolumbianischen Linken zugerechnet wird und nach Auffassung von Kennern von Fidel Castro und Emest Hemingway beeinflusst wurde, ist nach dem Chilenen Pablo Neruda, dem Guatemalteken Miguel Angel Asturias und der Chilenin Gabriele Mistral der vierte Lateinamerikaner, dessen literarisches Werk mit dem Nobelpreis gewürdigt wird. Der Preis ist in diesem Jahr mit umgerechnet 350 000 Franken notiert.

Durchbruch mit einem Roman

García Márquez lebt schon seit vielen Jahren, wie die Akademie es ausdrückte, «mehr oder weniger gezwungenermassen im Exil». Er war zunächst nach Frankreich gegangen, danach nach Spanien und seit mehreren Jahren hat er seinen ständigen Wohnsitz in Mexiko. Den internationalen Durchbruch brachte ihm der Roman «Hundert Jahre Einsamkeit», der schon bald nach seinem Erscheinen im Jahr 1967 als einer der besten Romane der spanischen Literatur in diesem Jahrhundert gefeiert wurde. Er wurde in viele Sprachen übersetzt und in mehr als fünf Millionen spanischsprachigen Exemplaren verkauft.

Zu den bekannten Werken von García Márquez gehören ferner unter anderen «Der Laubsturm», «Der Oberst hat niemand, der ihm schreibt», «Unter dem Stern des Bösen», «Der Herbst des Patriarchen» sowie mehrere Sammlungen von Erzählungen. García Márquez hatte in Literaturkreisen schon seit mehreren Jahren als Anwärter auf den Nobelpreis gegolten.

«In seinen Erzählungen hat García Márquez eine eigene Welt, seinen Mikrokosmos, geschaffen», hiess es in der Mitteilung der Akademie. In dieser kleinen Welt spiegelte sich ein ganzer Kontinent mit dem Reichtum und der Armut seiner Menschen wider. Noch wichtiger sei vielleicht, dass der kolumbianische Schriftsteller in seinen Werken einen eigenen Kosmos schaffe, «in dem das Herz des Menschen und die Kraft von Geschichte und Zeit gemeinsam die Grenzen des Chaos sprengen» und damit sowohl Tod als auch neues Leben bewirken. «Der Tod ist in der von García Márquez erfundenen und entdeckten Welt vielleicht der wichtigste Regisseur hinter den Kulissen», erklärte die Akademie abschliessend. Der Schriftsteller selbst hatte kürzlich in einem Interview gesagt, das Schreiben für ihn immer mehr «Leiden und Quälerei» bedeute.

Start als Journalist und Drehbuchautor

García Márquez wurde am 6. März 1928 in Aracataca in Nordkolumbien geboren, das in mehreren seiner Werke als imaginärer Ort Macondo wieder auftauchen sollte. Die ersten acht Jahre verbrachte er bei seinen Grosseltern. Besonders dieser Kindheit bei seinem fabulierfreudigen Grossvater wird nachhaltiger Einfluss auf die weitere Entwicklung von García Márquez nachgesagt. Er nahm nach dem Abitur in Bogota das Jurastudium auf, das er jedoch schon bald aufgab, um Journalist zu werden. Eine Zeitlang war er Auslandskorrespondent in Rom, Paris und Caracas. 1961 eröffnete er das Büro der kubanischen Nachrichtenagentur Prensa Latina in Bogota und war kurze Zeit Korrespondent bei der UNO in New York. Seine schriftstellerische Laufbahn begann García Márquez als Drehbuchautor.

Als Mitherausgeber der engagierten oppositionellen Zeitschrift «Alternativa» gilt er als Aushängeschild der kolumbianischen Linken. Im März 1981 sorgte er für Schlagzeilen, als er einen Besuch in Kolumbien überstürzt abbrach. Er war von den kolumbianischen Behörden der Zusammenarbeit mit einer Guerillagruppe verdächtigt worden und fühlte sich offenbar ernsthaft bedroht. Die kolumbianische Presse tat die Flucht als Werbegag vor der Publikation des neuesten Romans des Schriftstellers ab.

Hugo Loetscher zur Preisverleihung

Die Verleihung des Literatur-Nobelpreises an den Kolumbianer Gabriel García Márquez ist vom Schriftsteller und Lateinamerika-Kenner Hugo Loetscher mit grosser Freude zur Kenntnis genommen worden. Wie Loetscher am Donnerstag in Zürich erklärte, habe das Nobelpreiskomitee damit dem Kulturkreis Südamerikas, dem Schriftsteller García Márquez wie der Art Literatur, die das Phantastische mit dem Engagement zu verbinden wisse, seine Reverenz erwiesen. Loetscher betonte, er habe am Vorabend der Preisverleihung von den guten Chancen des Kolumbianers gehört, sei aber dennoch «freudig überrascht» worden. Die Auszeichnung für García Márquez gelte nicht nur der Person des Schriftstellers, sondern auch einer Art Literatur, die wichtig sei. Keinen wie den lateinamerikanischen Schriftstellern - und dem ausgezeichneten Kolumbianer ganz besonders - gelinge es, in ihren Werken Fiktion und Betroffenheit zu verbinden.

In deutscher Übersetzung

Im Buchhandel sind in deutscher Sprache laut dem «Verzeichnis lieferbarer Bücher» zurzeit fünf Romane und zwei weitere Sammelbände mit Erzählungen erhältlich. Neben den gebundenen Ausgaben im Verlag Kiepenheuer & Witsch hat der Deutsche Taschenbuch Verlag einige Taschenbuchausgaben mit Titeln von García Márquez in seinem Programm.

 

Artikel von Urs W. Scheidegger in der Solothurner Zeitung/Grenchner Tagblatt/Langenthaler Tagblatt/Berner Rundschau vom 22. Oktober 1982

Noch 24 Stunden vor der Bekanntgabe des Nobelpreises glaubte García Márquez nicht daran, dass er ausgezeichnet werde. In einem am Donnerstag von der Zeitung «Corriere della Sera» in Mailand veröffentlichten Interview meinte er: «Alle Schriftsteller hätten gern den Nobelpreis; für mich wäre das aber ein Unglück, weil ich am meisten im Leben wünsche, immer mehr Raum für mein Privatleben zu erobern.» (ap-Telefoto)
Noch 24 Stunden vor der Bekanntgabe des Nobelpreises glaubte García Márquez nicht daran, dass er ausgezeichnet werde. In einem am Donnerstag von der Zeitung «Corriere della Sera» in Mailand veröffentlichten Interview meinte er: «Alle Schriftsteller hätten gern den Nobelpreis; für mich wäre das aber ein Unglück, weil ich am meisten im Leben wünsche, immer mehr Raum für mein Privatleben zu erobern.» (ap-Telefoto)

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