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Vom Copyright zum Copyleft: Hyperfiction an den 23. Solothurner Literaturtagen

Verfasst von Urs Scheidegger | |   Kultur

Während in unseren Kultursendungen und Feuilletons der dritte Aufguss der Postmoderne abgefeiert wird, konnte sich, wer wollte, an den Solothurner Literaturtagen darüber ins Bild setzen lassen, was es mit Hyperliteratur auf sich hat.

Jeder Mensch reagiert auf andere Schlüsselreize, die sofortigen Fluchtreflex auslösen. Das Frühwarnsystem vieler fängt an zu blinken, wenn sie in einen Raum mit Leinwand treten. Wenn dann noch ein Beamer mit einem Computer vernabelt ist, der seinerseits am Netz hängt, dann weiss man: Auch heute bei dieser Veranstaltung, werden wir uns wieder ungeheuer einbringen müssen. Und dann sind da die andern, die gar nicht anders können als sich einzubringen, sich in einer solchen Umgebung heimisch fühlen. Das technische Equippement gehört zum Inventar.

Linearität des Lesens aus dem Ruder laufen lassen
«Die Hunde bellen, die Karawane aber vertreiben sie nicht», ist im Geleitwort der Programmkommission mit Blick auf das Verhältnis digitaler Medien und Literatur nachzulesen. Was hier im Outfit des Nomadentums mit auskurierter Hunde-Allergie daherkommt, trifft letztendlich des Pudels Kern: Bei ihren Streifzügen durch die Literatur haben die Verantwortlichen der Solothurner Literaturtage von jeher sogenannt randständige Disziplinen einbezogen - von Sciencefiction bis Performances aller Art. Höchste Zeit also, sich eine Dekade nach Tim Berners-Lee WWW-Geniestreich, der aus purer Bequemlichkeit heraus entstand, auch der Themen digitale Medien, Netzliteratur, Hyperfiction etc zu nähern. Was liegt in unserer Multioptions-Gesellschaft näher, als die Linearität des Lesens schon mal aus dem Ruder laufen zu lassen.
Nach einem Augenschein vor Ort und im Netz lassen sich grob gesehen vier Kategorien (mit entsprechend vielen Unterkategorien) ausmachen. Zum einen die konventionelle, gar nicht so junge (Karawanen-)Literatur, die sich für einmal nicht auf Papyrus, Pergament oder Papier befindet, sondern durch viel Scan- oder Tipparbeit digitalisiert im Netz vorliegt mit allen Segnungen der Elektronik, als da zu nennen wären: schnelles Auffinden, Sortieren, Zählen, Indizieren etc.
Längst schon ist Günter Grass' «Blechtrommel» lexikalisch vermessen und literarisch kartographiert. Das Wort «ein» kommt 1417 mal vor, das Wort «der» 4993, das Wort «das» 2228 mal und das Wort «Wort» (in unzusammengesetzter Form) 40mal.
Wie öd! Gegen das, was 1998 mit Günter Grass im Solothurner Landhaussaal zu erleben war. Oder was der Galerist Toni Brechbühl 1994 in der Galerie Bel-arte in Lengnau zeigte.

«Patchwork Girl»
Einen Schritt weiter gehen Werke wie Michael Joyce's «Twilight» oder Shelley Jacksons «Patchwork Girl», die - mit ernsthaftem literarischem Anspruch - ihre Texte in mehr oder weniger augenverträglichem Schriftgrad ins Netz stellen, dabei überwiegend auf den Hyperlink setzen und so das Erzählgut einen andern Verlauf nehmen lassen.
Dann gibt es da jene jüngere, sehr lebhafte Szene, die Bücher allenfalls als Stützen für ihre CDs oder Videokassetten kennt. Stoff von Pausenclowns der MTV-Generation für bunte Hunde, gegen die die Klassiker der Netzliteratur schon jetzt so alt aussehen, wie jene niemals werden. Eine Spassgemeinde mit ausgeprägter Zapper-Mentalität, die keinen Schnauf für literarische Langstreckenläufe mehr hat. Alles ist bildorientiert, und alles bewegt sich wie im Kino. Hier gilt Exhibitionismus als Lebensart, je mehr Zuschauer, desto besser. Das Innenleben wird notgeschlachtet, bis es ausblutet. Alles muss auf die Bühne, und weil es inzwischen mehr Akteure als Publikum gibt, sieht kaum noch einer hin.

Verschiebung vom «Copyright» zum «Copyleft»
Und dann wäre da noch jene internationale Szene von Autoren, deren Texte sich an den Experimenten des 20. Jahrhunderts, wie der konkreten Poesie, orientieren. Diesem Segment sind vor allem Reinhard Döhl (Botnang) und Johannes Auer (Stuttgart) zuzurechen, die am Freitag zur Hyperfiction-Lesung im Gemeinderatssaal einluden. Die Herausgeber der CD «kill the poem» beschäftigen sich im Gefolge von Max Bense mit Netzliteratur, wobei ihnen «der bewusste Verzicht auf technischen Overkill zu Gunsten präziser experimenteller Reflexion der grundlegenden Möglichkeiten von Computer, Netz und Literatur vorrangig» ist. Anders die 1963 geborene Münchnerin Susanne Berkenheger mit ihren preisgekrönten Beiträgen «Hilfe!» und «Bombe» - (javascript)- gesteuerte Hyperfiction, die - zum Teil automatisiert - nicht gerade sparsam mit Fenstern umgeht. Das Internet als poetisches Tummelfeld war Gegenstand einer Diskussion mit dem Wissenschaftler und Autor Roberto Simanowski aus Berlin, dem Philosophen und Geschäftsführer des SSV, Peter A. Schmid aus Zürich. Und es wurde darüber geredet, ob das Internet durch die Verschiebung vom «Copyright» zum «Copyleft» zum rechtsfreien Raum wird, in dem Urheberrechte keine Gültigkeit mehr haben. Fragen, die gestellt, aber (noch) nicht beantwortet werden können. Dazu bestand auch nie die Absicht. Alles ist im Fluss, und das in rasantem Tempo.

Feuilletons als Multimedia?
Alle 18 Monate verdoppeln sich die Geschwindigkeit der Prozessoren und die Festplattenkapazität. Der Mensch hat - quantitativ betrachtet - in den letzten paar Millionen Jahren seine Input-Output-Leistung nur unwesentlich gesteigert. Wir können mit 100 Bit pro Sekunde sprechen und etwa 1000 Bit pro Sekunde lesen. Während moderne Superrechner 100 GByte Datenvolumen pro Sekunde verarbeiten. Aber da sagt die Quantität noch nichts über die Qualität aus. Lesen ist und bleibt eine solitäre Angelegenheit.
Denn Textmengen - in welchem Umfang auch immer - brauchen, wann immer Literatur stattfinden soll, ein interpretierendes Individuum. Das können uns die Rechenknechte, die zugegebenermassen locker mit Unmengen an Material umgehen können, nicht abnehmen. Fest steht auch, dass die «reine» Literatur unter Einwirkung anderer Medien neue Gestalt annehmen dürfte. Stehen uns im vierten Aufguss der Postmoderne bald Kultursendungen und Feuilletons als Multimedia ins Haus? Aber das ist ein zu weites Feld für den Raum von 5000 Wörtern. Wer sich weiter schlau darüber machen möchte, wo der Hund begraben liegt, klinke sich ein unter:
www.vsonline.ch bzw. ab 1. Juni 2001 unter
www.vsonline.ch/daten/literatur

Urs W. Scheidegger in der Solothurner Zeitung / Neue Mittelland Zeitung vom 26. Mai 2001

 

Hyperfiction-Autoren Johannes Auer und Reinhard Döhl 2001 an den 23. Solothurner Literaturtagen.
Hyperfiction-Autoren Johannes Auer und Reinhard Döhl 2001 an den 23. Solothurner Literaturtagen.