Archiv Artikel - Essays - Sprachriff

Leider keine Solothurner Geschichte: Walter Schenkers Roman «Eifel»: Ver-Sch(l)enker-te Heimat

Verfasst von Urs Scheidegger | |   Kultur

Nach «Leider. Solothurner Geschichten», der ersten eigenständigen Publikation aus dem Jahre 1969, heisst Walter Schenkers neuer Roman nun «Eifel». Subtil und nachhaltig gleichermassen trägt der 1943 in Solothurn geborene Autor unter souveräner Beherrschung literarischer Collagetechniken Stimmungen im Wechselspiel von seelischer und landschaftlicher Monotonie in einer Art Heimat-Roman an die Leserschaft heran.

Ja, wie beginnen? Wenn nämlich gleich verraten wird, worum es in Walter Schenkers Roman «Eifel» geht, wird ihn niemand in die Hand nehmen oder auch nur hier weiterlesen wollen. Wenn jedoch hinzugefügt wird, dass es sich um ein unerfreuliches und düsteres Thema handelt, aber eiligst die Bemerkung fällt, der Roman sei trotzdem fesselnd, dann wird man doch nicht glauben; ja der Verdacht kommt auf, dass hier nicht nur einem im Jahr 1943 in Solothurn geborenen Autor die Stange gehalten, sondern obendrein auch der Werbeabteilung des Ammann Verlages zu Hilfe geeilt werden soll. Und eben das soll hier geschehen. Denn dieses Stück Prosa kann es einem schon antun. Kurz und gut: Von der Arbeitslosigkeit wird erzählt und von Rollentausch, vor allem aber von deren Auswirkung auf einen Betroffenen. Natürlich ist dieses Thema besonders riskant. Die wichtigsten der vielen Fallen, in die hier jeder Schriftsteller geraten kann, hiessen einerseits Larmoyanz und Sentimentalität, andererseits Verharmlosung und Verniedlichung. In dieser fatalen Situation wollen sich manche Autoren mit konsequenter Nüchternheit über die Runden helfen. Das ist in der Tat kein schlechter Ausweg. Er hat nur einen Fehler: Er führt oft zur Dürre und Farblosigkeit, schliesslich zur Langeweile. Schenkers Roman ist nicht langweilig, höchstens etwas langatmig. Gebrochen und in bitterer Ironie lässt er uns teilhaben am Schicksal des Jakob Simonis, am langsamen Zerfall eines Anti-Helden, der «frisch von der Universität gekommen, verheiratet und Vater eines kleinen Sohnes, als stellen- und damit arbeitsloser Gymnasiallehrer zu so etwas wie einem Hausmann geworden ist.» Über gut 300 Seiten hält Schenker den Leser hin mit seinem miesepetrigen Ich-Erzähler Simonis, gleichzeitig ein Bild der Eifel entwerfend, eine Art «Liebeserklärung an Land und Leute», die für einmal nicht die seiner Geburtsstadt sind: Keine Solothumer Geschichten also. Leider.

«In diesem Land kann jeder schreiben…»
Ein Grossteil des Buches besteht aus (bald in indirekter, bald im Collagestil) wiedergegebenen Erinnerungen aus dem Hausmanns- und vorangegangenen Leben des Jakob Simonis. Sie werden ergänzt durch einige direkt eingeblendete Dokumente im Reportstil – aus der Sicht des Ich-Erzählers, der über seinem täglichen Einerlei brütet. Schade nur, dass eine ganze Reihe erzählerische Momente («Volksfreund», der R4, das «Funkkolleg», Bibelzitate) – zweifellos zur Erwecung von Monotonie herangezogene Einblendungen – mit der Regelmässigkeit eines tropfenden Wasserhahnes bemüht werden. Mit Verlaub: Auf den Leser wirken sie nervend. Schade auch, dass gleich zu Beginn entschuldigend der Prosa so wenig zugetraut wird: «Ich montiere, collagiere, und wenn ich montierend collagiere, ist es vielleicht gar nicht so schwierig». (Leider allzuoft Schenker und nicht Simonis.) Und auch: «In diesem Land kann jeder schreiben! Dieser Satz hat mich wahrscheinlich überhaupt dazu gebracht, dass ich schreibe.» (Hoffentlich Simonis und nicht Schenker.)

Fröhlichkeit ist ein Schwanengesang mit Methode
Er kann einem schon leid tun und hat von Anfang an die Lesersympathien auf seiner Seite, der Jakob Simonis, dem so ziemlich alles missrät, was nur missraten kann. Kann sein, dass Autor Schenker nach und nach selber Mitleid empfindet mit seinem Schwarzseher, jedenfalls riecht es gegen Ende sehr nach Happy-End, als er ihm doch noch eine Anstellung in Aussicht stellt und ihn im letzten Kapitel mit der Überschrift «Ich bin jetzt zufrieden» in eine geradezu euphorische Stimmung hievt. Die Fröhlichkeit ist ein Schwanengesang, und die Sache hat Methode. Schenker lässt Simonis noch einmal hochkommen, um ihn um so tiefer fallen zu lassen. «Dein Vater starb am Vormittag des 10. November 1977), schreibt Jakob Simonis Frau in einem Brief, der dem Roman angefügt ist und diesen abrundet, an Sohn Matthias. Alles in allem nimmt man einigermassen betroffen und mit Interesse zur Kenntnis. Sowohl das feinziselierte Arbeitslosen-Psychogramm wie auch den geographischen Schlenker mit Schenker in die neue Heimat.

Urs W. Scheidegger, Solothurner Zeitung/Grenchner Tagblatt/Langenthaler Tagblatt/Berner Rundschau 22. Dezember 1982