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Dreitägiges Poesiefestival in Bern: Keine Tränen der Rührung

Verfasst von Urs Scheidegger | |   Kultur

Ein dreitägiges Poesiefestival mit illustrer Beteiligung und einem unliebsamen Zwischenfall ist letztes Wochenende in Bern über die Bühne gegangen. Auf dem Programm standen Aktionen wie das Verteilen von Gedichtflugblättem, das Pflanzen eines Poesiebaumes und Lesungen in verschiedenen Lokalen.

Nach Matthias Jenny, dem ursprünglichen Initianten des «Tages der Poesie», soll durch diese Veranstaltung jedes Jahr daran erinnert werden, «dass die Welt nicht nur aus ‹kalten› Informationen besteht, sondern auch aus Poesie». Und in den Genuss dieser Poesie (nach Bernhard Streit, einem Mitorganisator des Berner Poesiefestivals «kein romantisches Geschwafel», sondern «Artikulationen und Anfälle von Gegenwart») kamen die erstaunlich vielen Besucher im «Breitsch-Träff», im «Militärgarten» und in der AJZ Reithalle, wo am Samstag unter anderen Autoren wie Simon Vinkenoog, der Hamburger Christoph Derschau, Peter Baschung und Micha Sperschneider unterhielten.

«Tag der Poesie», in Bern zum drittenmal
Bei diesem «Tag der Poesie», in Bern zum drittenmal durchgeführt und gleich auf drei Tage ausgeweitet, mag sich der eine oder andere schon gefragt haben, ob die Tendenz von Autoren unterschiedlichster Provenienz, gesprochenes, gesungendes oder geschriebenes Kulturgut volksfestähnlich zu verbreiten, um in dieser Form um potentielle Interessenten zu werben, nicht als kreatives Unvermögen abgestempelt oder aber als leise Aufdringlichkeit ausgelegt werden muss. Es wäre leichtfertig, wenn nicht gar beleidigend, die mühseligen Bestrebungen damit abzutun, zumal solche Aktivitäten beziehungsweise deren Produkte durchaus ins Umfeld dessen gehören, was aus der Sicht der Organisatoren als Poesie Geltung zu finden hat; und zwar nicht nur dann, wenn sie einem momentanen Konsumbedürfnis entsprechen, sondern diese sich gerade im Hinblick auf ein zeitgemässes Poesie-Verständnis als ganzes aufschlussreich erweisen.

Schlusspunkt mit Tränengas
«Was kann denn ein Dichter schon anderes machen, als den alltäglichen Irrsinn aus dem verschwommenen Nebelfeld herauszuholen und einen angemessenen Ausdruck dafür zu suchen», fragte sich Bernhard Streit im Hinblick auf die Poesietage. Die Ironie des Schicksals wollte es, dass am Samstag nicht die Poeten den Schlusspunkt hinter die Berner Poesietage setzten. Es war die Polizei, die wortlos, aber mittels Tränengas jenes Forum in ein Nebelfeld umwandelte, das sich wortreich um die Entnebelung des Alltäglichen bemüht zeigte. Später war zu vernehmen, dass draussen Bierflaschen geworfen worden seien. So wurden einige, die Texte gelesen, zugehört oder diskutiert haben, die noch am Nachmittag auf der Berner Allmend als sichtbares Zeichen des Poesietages 1982 die Wurzeln des Ahorn mit Erde zugedeckt haben, zu Leidtragenden eines bagatellhaften, aber wirksam bekämpften Zwischenfalls. Zurück blieben Tränen, nicht der Rührung, oder Ergriffenheit, sondern - banaler und wirklichkeitsnaher - aus Tränengaspetarden.
Die Zeit wird immer kurzlebiger. Während vom Jahr des Kindes über das Jahr der Frauen hin zum Jahr der Behinderten den jeweils zu Ehren gezogenen Bevölkerungsgruppen in etwa gleiche Zeitspannen anberaumt wurden, ein Jahr immerhin, tut man sich mit Milch und Kranken schon schwerer: Tag der Milch, Tag der Kranken. Mit Bezug auf die Poesie hat es wenigstens zu dreien gelangt. Aber die nächsten Solothumer Literaturtage kommen bestimmt.

Urs W. Scheidegger, Solothurner Zeitung/Grenchner Tagblatt/Langenthaler Tagblatt/Berner Rundschau 31. März 1982