Archiv Artikel - Essays - Sprachriff

Lachen als Methode: Der Wissenschafter Umberto Eco als brillanter Romancier

Verfasst von Urs Scheidegger | |   Sprachriff

Es tut gut zu einer Zeit, da sich Krethi und Plethi im deutschsprachigen Literaturbetrieb auf Selbstbeobachtung, Selbsterforschung, Selbstbespiegelung und mitunter Selbstbemitleidung kapriziert, einen Roman zur Hand zu haben, der sich  nicht auch noch im «Zeitkritischen Psychologismus»-Eintopf vergären lässt. Der Hanser-Verlag hat’s gewagt und Umberto Ecos stattlichen Roman-Erstling «II nome della rosa» - zwei Jahre nach Erscheinen der italienischen Originalausgabe - in deutscher Übersetzung herausgebracht.

«Der Name der Rose» heisst das Werk nun hierzulande ganz und gar übersetzungsgetreu und wir haben allen Grund, der erzählerischen Ingenieurskunst des Umberto Eco mit Bewunderung zu begegnen sowie die Verkehrung seines theologisch-philosophischen Traktats in eine Kriminalgeschichte aus dem Mittelalter zumindest als gelungenes Aperçu zu interpretieren: Als Husarenstück eines Schriftstellers und Wissenschafters, der noch raffinierter und hintergründiger schreibt, als es beim ersten genussvollen Lesen den Anschein macht. Selbst der Eco-Kenner mit einer Reihe wissenschaftlicher Lehr- und Standardwerke im Kopf wäre gut beraten, den Roman nicht unter dem Verdacht «akademisch-spröd und schön gescheit» beiseitezulegen.

Science Fiction aus dem Mittelalter
Wer ist dieser Umberto Eco und wie kam er zu seinem ersten Roman? «Bis zur Affäre Moro», sagte der 50jährige, aus Piemont stammende und heutige Professor in Bologna einmal, «hatte ein Intellektueller noch den Eindruck, er könne Einfluss auf die Ereignisse nehmen: durch einen Artikel, durch seine Unterschrift unter ein Manifest… Seitdem ist ein Gefühl der Ohnmacht entstanden».
Vom Klassiker und Altmeister der Sprachphilosophie, von Ludwig Wittgenstein stammt das treffliche, indes zu wenig beherzigte Wort: «Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.» Eco präzisiert: «Wovon man nicht theoretisch sprechen kann, darüber muss man erzählen.» Und Eco wurde zum Erzähler, zu einem Erzähler, der als Experte der Lehre von den Zeichen (Semiotik) und der Literaturtheorie bestens vertraut mit Erzähltechniken und erfüllt mit geradezu barocker Fabulierlust dem Leser alles andere als eine nüchterne Abhandlung des italienischen Hier und Jetzt zumutet, sondern mit einer erfundenen, nichtsdestoweniger trefflichen Welt, einer Art Science-Fiction aus dem Mittelalter, zum Nachdenken über die Gegenwart zwingt. Ort der Handlung ist ein Benediktinerkloster in Norditalien, in dem im Lauf einer Woche sieben geheimnisvolle Todesfälle zu beklagen sind. Zeit: 1327, sechs Jahre nach Dantes Tod. Historische Konstellation: Ludwig der Bayer kämpft gegen Papst Johannes XXII.

Brillantes Vexierspiel
Was Umberto Eco aus diesem Rohmaterial zustandebringt, ist mehr als die Beschreibung eines Stücks Mittelalter, er bietet ein brillantes Vexierspiel. Einmal: was lediglich ästhetische oder historische Abschweifungen, was philosophische oder theologische Betrachtungen, was linguistische oder zeichentheoretische Spekulationen zu sein scheinen, das sind in Wirklichkeit die wahren Funktionsteile in einem exakt berechneten Erzählmechanismus im Hinblick auf den «roten Faden», die Aufdeckung der mysteriösen Todesfälle durch William von Baskerville, einem Sherlock Holmes in der Mönchskutte. Die Ursache für all die mysteriösen Todesfälle ist bezeichnenderweise in einem Buch zu suchen, dem einzigen Exemplar des zweiten Bandes der Aristotelischen «Poetik», das der Philosoph dem Lachen widmete. An jenes kostbare Buch nämlich machten sich die neugierigen Mönche immer wieder heran und fanden dabei den Tod, weil der alte blinde Klosterbruder Jorge von Burgos Gift zwischen die Blätter schüttelte.
Wozu das grausame Spiel? Bruder Jorge enthüllt es in seinem letzten Disput mit dem geistreichen William von Baskerville, dem Mann mit der ausserordentlichen Kraft logischen Denkens: «Das Lachen befreit den Bauern von seiner Angst vor dem Teufel... Der lachende Bauer, dem der Wein durch die Gurgel fliesst, fühlt sich als Herr, denn er hat die Herrschaftsverhältnisse umgestürzt. Doch dieses Buch konnte die Wissenden lehren, mit welchen Kunstgriffen, mit welchen schlagfertigen und von diesem Moment an auch geistreichen Argumenten sich der Umsturz rechtfertigen liesse!»

Botschaft der Toleranz
In der finalen Botschaft Williams («Ich habe nie an der Wahrheit der Zeichen gezweifelt… Was ich nicht verstanden hatte, war die Wechselwirkung zwischen den Zeichen.») offenbart sich das Trauma des Wissenschafters Eco, der vor dem Hintergrund nicht nur des italienischen Polit-Alltages weiss, «dass die Entscheidungen immer woanders getroffen werden». Dennoch: Ecos Haltung ist weder verbittert noch resignierend, im Gegenteil, seine Botschaft ist die Toleranz, die Methode dazu das Lachen. Sein 655 Seiten starker Roman schliesst denn auch mit der lateinischen Sentenz: «Die ursprüngliche Rose besteht im Namen, wir besitzen nur die nackten Namen».
Von da aus versteht sich auch der wunderliche Titel des Buches, in dem die im Italienischen geläufige Wendung «il nome della cosa» traurig-ironisch mitschwingt.
 

Artikel in der Solothurner Zeitung/Grenchner Tagblatt/Langenthaler Tagblatt/Berner Rundschau vom 13. Dezember 1982