Archiv Artikel - Essays - Sprachriff

Zwischen Jahrmarkt und Poker-Runde: Literarische Veranstaltungen in Solothurn und Klagenfurt

Verfasst von Urs Scheidegger | |   Sprachriff

Die beiden Städte Klagenfurt und Solothum verbindet nicht so sehr die Tatsache, dass beide im Süden des deutschen Sprachraumes in etwa auf demselben Breitengrad liegen – die eine an jugoslawisches, die andere an französisches Sprachgebiet grenzend, sondern vielmehr der Umstand, dass sowohl die Stadt am Wörthersee wie auch die Aare-Stadt in den ausgehenden siebziger Jahren Schauplätze von literarischen Spektakeln, wenn auch mit unterschiedlichem Ausmass, so doch mit verwandten Zielsetzungen geworden sind. Beide Anlässe segeln unter der Flagge der Begegnung und Popularisierung im weitesten Sinn. Welche Gestalt hat dieser Popularisierungsversuch mittlerweile jeweils angenommen?

Wohl kaum eine literarische Veranstaltung ist so umstritten, wie die soeben in ihre vierte Auflage gegangenen Klagenfurter Literaturtage, im Verlauf derer bekanntlich nebst zwei weiteren Gewinnern der Ingeborg-Bachmann-Preisträger ermittelt wird. Umstritten ist einmal die Methode: auf drei, vier Tage verteilt, lesen jeweils rund zwei Dutzend Autoren (in diesem Jahr waren es 28) aus unveröffentlichten Texten vor ungefähr einem Dutzend Juroren (1979: 13, heuer 11), die sich nach dem Muster der seligen Gruppe 47 in öffentlicher Spontankritik üben. Da der Autor, im Gegensatz zur ursprünglichen Absicht, zum Schweigen verurteilt ist, trug dies dem Wettbewerb nach und nach die Prädikate «öffentliche Autorenhinrichtung», «Stafettenlesen», «Lesemarathon», «Spiessrutenlesen» und andere Bezeichnungen mehr ein.

Wettbewerbstext zurückgezogen
Umstritten ist auch – und gerade – die Jury: insbesondere, wie der aus der 47er Asche wiederauferstandene Gruppenphoenix neu das Gefieder spreizt und den Schaukampf von Autoren untereinander geniesst, die eine ganze Generation und mehr darunter liegen. Zwangsläufig müssen sich unter derartigen Voraussetzungen zunächst Juroren-Hackordnungen hersteilen. Schlag folgt auf Schlag: zwischen Kaiser und Reich-Ranicki, Kaiser und Vormweg, Kaiser und Jens…
Wie wenig Konsens da im Grundsätzlichen waltet! Am vergangenen Dienstag ist dem bundesdeutschen Schriftsteller Hans Christoph Buch der Kragen geplatzt. Er, der als 28. und letzter gelesen hatte, zog nach der halbstündigen Lesung seines Wettbewerbtextes seine Teilnahme zurück und bat die Jury, auf eine Bewertung seines Textes zu verzichten. Zur Begründung meinte Buch, er habe ursprünglich «in einem Anflug von Leichtsinnigkeit» die Einladung nach Klagenfurt akzeptiert, dann auch aus Höflichkeit gegenüber Publikum und Jury vorgelesen. Im Verlauf des Wettbewerbes sei ihm aber bewusst geworden, dass bei den Diskussionen der Jury über die Leistung eines Autoren von vielem, aber nicht mehr vom Autor und seinem Text die Rede sei. «Ich glaube, es ist etwas faul an den Spielregeln, die die Autoren zu subalternen Wesen machen. Ich will kein subalterner Autor sein und darum ziehe ich meinen Text zurück», sagte Buch, der vor dem mehrere hundert Menschen zählenden Publikum langanhaltenden Applaus erntete.

Hauptpreisgewinner verzichtet
Damit allerdings noch nicht genug: Der 38jährige Berliner Autor und diesjährige Gewinner des Hauptpreises, Sten Nadolny, stiess die Jury dadurch vor den Kopf,  indem er auf den Preis verzichtete und statt dessen bat, die Preissumme von 100000 Schilling unter den 28 Teilnehmern des Lesewettbewerbs aufzuteilen.
Übrigens: die beiden Nebenpreise, der mit 70000 Schilling dotierte Verlegerpreis wurde der Westberliner Autorin Anna Jonas, und das Stipendium in der Höhe von 30000 Schilling der in Vorarlberg lebenden Kärntnerin Ingrid Puganigg zuerkannt.
Das Klagenfurter Wettlesen konnte sich indes nie über Zwischenfälle beklagen. War 1977 noch recht einmütig Gert Jonke gekürt worden, so spaltete sich die Jury im
darauffolgenden Jahr. Nach einem Wettbewerb von recht erfreulichem Niveau standen am Ende zwei Texte gleichwertig in der Endausscheidung; jener von Hannelies  Taschau und das formal-brillante Stück von DDR-Autor Ulrich Plenzdörf, der den inneren Monolog eines sprachgestörten Kindes zum Thema hatte. Der Plenzdorf-Text schwang schliesslich im zweiten Durchgang obenaus. Und nun kommt das Kuriose: war man im Publikum wie auch in einem Teil der Jury der Meinung, der zweite Preis der Klagenfurter Jury ginge nun automatisch an Hannelies Taschau, da kam alles anders. Der Taschau-Text unterlag letztlich in einer Kampfabstimmung und – fiel aus den Rängen.
Im letzten Jahr wurde ein flinkes, nussknackerisch enggedrechseltes Disputierstück von Gert Hoffmann mit dem 100000 Schilling Hauptpreis ausgezeichnet. «Saukomisch» fand der Kritiker Joachim Kaiser diese «Mischung aus Philologie und Verzweiflung», und Walter Jens doppelte nach: «Grammatik als lebensrettendes Elixier, und das auf den Begriff gebracht: fabelhaft!»
Als dann allerdings Erich Wolfgang Skwara einen misanthropischen, frauenfeindlichen,  ja faschistoiden Text in die Runde dröhnte, wurde gekniffen. Scheu sprach man von «Missverständnis» und hielt sich bezüglich dessen zurück, was hier unbedingt hätte gesagt werden müssen.
In ähnlicher Weise ein Opfer der Jury wurde im vergangenen Jahr das lapidar auf jiddisch-überkommene Erzählart vorgesetzte Fragment von Jurek Becker, einem nicht ganz unbekannten Autor.
«Also anders als beim Wein», hob da ein Juror an, «wo ich nicht die ganze Flasche austrinken muss, um zu merken, von welcher Qualität er sei: muss in diesem Fall schon alles her, die volle Pulle! Herr Becker, also wie -?» Doch Becker, der Schalk, liess sich nichts abpressen von seinem Stöffchen – und fiel mit seinem Probeschluck prompt durch.

Proteste häufen sich
Von Jahr zu Jahr indes werden die Kritiken in Klagenfurt lauter, Proteste häufen sich. Beobachter an der diesjährigen Veranstaltung wollen so etwas wie Unmut in den Reihen der Autoren, dem Publikum, ja selbst der Juroren über den Abwicklungsmodus des Wettbewerbes bemerkt haben. Das ist nicht neu und kaum verwunderlich: Dem seit je unterschwellig vorhandenen Unmut ist heuer lediglich öffentlich Ausdruck verliehen worden. Nun, seitens der Veranstalter hat man bei einer Diskussion erklärt, man werde für Veränderungen offen sein. Man wird sehen…
Im übrigen müssen sich die Veranstalter und Juroren davor hüten, nicht in die tragi-komische Situation jenes Autofahrers zu geraten, der einmal zu Protokoll gab, dass er in der Kurve die Fahrbahn verfehlt habe, durch einen Gartenzaun schoss, eine Hundehütte überfuhr, eine Hausecke rammte und hernach freimütig bekannte, dann die Gewalt über das Fahrzeug endgültig verloren zu haben.

Und Solothurn?
Zurück in die Ambassadorenstadt. Die Solothurner Literaturtage stehen zum Klagenfurter Stafettenlesen in etwa wie ein Freiluftturnfest zum Profiboxsport, oder besser (zumal der Solothumer Veranstaltung kein Wettkampfcharakter anhaftet): wie ein Jahrmarktbetrieb zur Pokerrunde. Hier gut ein Dutzend Geschworene, die das eigene persönliche Gewicht und Urteil trumpfkartengleich je nach Sachlage hervorzücken, viel Bös-Bombastisches verkünden, Verdikte verhängen, und in einer oftmals mehr als nur ruppigen Gangart über das entscheiden, was als Literatur zu gelten hat oder eben nicht. Dort ein kaleidoskopartiges Gebilde von Klein- und Kleinstangeboten, deren Wahl den Besucher zur Qual werden lässt. Die Kampfarena im  Südosten – in der zwar nicht Blut, dafür aber Schweiss, Tränen und Rubel (Pardon: Schilling) fliessen bzw. rollen – verwandelt sich westwärts in einen Erholungs- und Begegnungspark, in dem man vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht: Lesungen (viersprachig) als Anhaltspunkt für das aktuelle Literaturschaffen in der Schweiz, Fachgespräche, Kontaktvermittlung, alternatives Schreiben, Freizeitpoesie, Podiumsgespräche, Rahmenveranstaltungen noch und noch, Poesietelefon.
Unterschiedliches, was die Qualität angeht, und zwar sowohl aus Solothum wie aus Klagenfurt: neben achtbaren bis bemerkenswerten Texten gab es bisher, gesamthaft betrachtet, hüben wie drüben auch solche, die zum Himmel schrien und den Verfasser geradezu denunzierten.
Von Demokratisierung zu sprechen, wäre in beiden Fällen verfehlt. Das eine versteht sich von selbst. Die Voraussetzungen in Solothum liegen zwar günstiger, die Fronten aber sind noch verhärtet, der Gang der offiziellen Gespräche ist verkrustet, die Übersicht über das Geschehen wahrt kaum noch einer. Besser liegen die Chancen der Solothurner Veranstaltung auch bezüglich der Popularisierung, vorausgesetzt, man verstehe unter Popularisierung die gemeinhin verständliche Verbreitung von Literatur, und nicht etwa jenes Vertrautwerden mit Anlässen, die ihren Ruf, ihre Popularität eben  dem Autoren-Abschuss, ständigen Oppositionen, skurrilen Zwischenfällen, demonstrativen Protesten und andauernden Querelen verdanken.

Artikel von Urs W. Scheidegger in der Solothurner Zeitung/Grenchner Tagblatt/Langenthaler Tagblatt/Berner Rundschau vom 5. Juli 1980