Vor den 6. Solothurner Literaturtagen: Von Butter- und von Bücherbergen

Verfasst von Urs Scheidegger | |   Sprachriff

Bei der Vorbereitung der vom nächsten Freitag bis zum Sonntag stattfindenden 6. Solothumer Literaturtage hatte die Programmkommission eine Zeitlang versucht, die deutschsprachigen Veranstaltungen um das Thema «Fiktion und Realität» zu gruppieren. Von diesem Versuch sind nun allenfalls noch Sedimente sichtbar; das Markanteste ist die «Gross-Werkstatt» am Freitagabend in der Säulenhalle des Landhauses. Mit Ernst Därendinger, Heinz Stalder, Beat Sterchi und Werner Wüthrich treffen an diesem Abend vier Autoren aufeinander, deren neueste Publikationen um das Thema «Land, Landwirtschaft, Heimat» kreisen. Mit diesem Thema beschäftigt sich im folgenden auch Urs W. Scheidegger.

Sie produzieren über den Bedarf hinaus, wenn nicht sogar oft daran vorbei, und stehen dann, wie jene vor dem Butterberg, verlegen vor ihrem Bücherberg. Nun aber kennt ja der Schriftsteller den Bauern nicht erst, seit sie beide am Berg stehen (und schon gar nicht wegen des gemeinsamen Problems der Überproduktion), sondern längst hat sich die Landwirtschaft und deren Umfeld in der Literaturgeschichte einen Platz gesichert, wie es die unter dem Terminus «Heimatliteratur» subsumierten Begriffe «Bauernerzählung», «Bauernroman», «Dorfgeschichte» und anderes mehr nahelegen.

Erste, doch oberflächliche Kennzeichen des Heimatromans sind der ländliche Schauplatz und das bäuerliche Personal. Oberflächlich sind sie deshalb, weil sie nicht erlauben, wünschenswerte oder sinnvolle Unterscheidungen vorzunehmen im Hinblick auf die deutschsprachige bäuerliche Epik, wie sie sich seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts herausgebildet hat, und den Texten der recht zahlreichen Autoren, die seit gut einem Jahrzehnt auf den heilsfernen Böden des Hinterwalds Stoffe ländlich-bäuerlichen Daseins aufbereiten. Nicht einmal der Intention nach lassen sich brauchbare Unterscheidungsmerkmale zwischen der klassischen und der «Neuen Heimatliteratur» ausmachen. Sozialerfahrungen, die noch ein Jeremias Gotthelf vor dem Hintergrund der Bauernbefreiung und der Industrialisierung — geprägt durch die Verstädterung, durch eine zunehmende Konjunkturabhängigkeit, durch das Elend des Proletariats und zugleich durch seinen Emanzipationsanspruch — literarisch verarbeitet hat, finden in den letzten Jahren Niederschlag in den negativen Auswirkungen von Mechanisierung/Automatisierung (Beat Sterchis «Blösch»), von Spekulantentum (Ernst Därendingers «Engerling»), im Leid und in der Unterdrückung des Individuums (Marcel Konrads «Stoppelfelder»).

Zeitgeist und Bernergeist
Als auffälligste Unterschiede zwischen der klassischen und der «Neuen Heimatliteratur» springen Sprachduktus und Erzählgestus ins Auge. Ferner fällt auf die Idealisierung, die Polarisierung und Schematisierung in der gestandenen Bauemdichtung, die Differenzierung und Individualisierung in der neueren. So zum Beispiel erhält noch in «Zeitgeist und Bernergeist», einem Roman der letzten Schaffensperiode Jeremias Gotthelfs, die Polarisierung einen auf aktuelle politische Vorgänge gemünzten, polemischen Sinn. Zeitgeist ist Demagogie, Zerstörung von Religion und Sitte, sexuelle Ausschweifung, Alkoholismus und Kriminalität. Bernergeist ist Rechtschaffenheit und Weisheit, Solidität und Wohlgesinntheit. Gleichsam beglaubigt wird diese Auffassung durch die Handlungsführung: Personen, die dem Zeitgeist — und das heisst der Sünde — verfallen, verlieren ihre Identität; Ausdruck des Identitätsverlust aber sind wirtschaftlicher Niedergang und soziale Entwurzelung. Umgekehrt sind Eingliederung in die Dorf- und Hofgemeinschaft sowie ökonomischer Erfolg Lohn für den, der in der ständischen Gesellschaft und in den traditionellen Besitzverhältnissen die göttliche Ordnung erkennt.

Für eine derart synthetische und ganzheitliche Weltanschauung, wie sie sich nicht anders in den Werken etwa eines Joseph Joachim oder Josef Reinhart niedergeschlagen hat (Joachim als «Solothurner Gotthelf» stand zeitlebens in dessen Schatten und Reinhart hat sich in einer Dissertation Gotthelfs Volksglauben angenommen), können sich Autoren der achtziger Jahre nicht mehr und Leser nur mehr schwer erwärmen. Die Weltanschauung ist pluralistisch und die Erzähltechnik eher analytisch geworden.

«Neue Heimatliteratur»: äussere Not und innere Qual
Von äusserer Not und innerer Qual ist vor allem die Rede in der «Neuen Heimatliteratur». Ein Bauernbube wird zugerichtet im Erstlingswerk des 30jährigen Luzerners Marcel Konrad, durch Drohungen und Schläge, auch durch das Schweigen der Eltern zu allem, was ihm Rätsel ist. Der Ich-Erzähler, ein junger Mann, wartet im Gefängnis auf seine Hinrichtung. Er hat eine Frau vergewaltigt und umgebracht, worauf die Todesstrafe steht. Er berichtet von seiner Kindheit auf dem Bauernhof in einer seine Bewohner recht und schlecht ernährenden Gegend. «Immer und immer wieder wurde ich enttäuscht, getäuscht und enttäuscht. Ich konnte mich keiner Gelegenheit entsinnen, die mir Glück und Erfolg eingebracht hätte», resümiert er sein ganzes Leben. Erinnerungen werden bei dieser Lektüre wach an Gavino Leddas sardisches Erfolgsepos «Padre Padrone», in dem auch der Vater das Mass aller Dinge ist, wo Lebensblindheit und Pfaffenwillkür, Aberglaube und Gewalt sich zum Gesamtbild eines ausweglosen Unterdrückerregiments gesellen.

Nicht weniger idyllisch geht’s im «Blösch» von Beat Sterchi zu. «Die Trachea ist frei. Ich lege mein Messer darauf, schiebe die Rundung der Spitze auf dieser leitenden Schiene hinein in die Kuh. Ich erwische die Halsschlagader. Das Blut sprudelt mir leuchtend rot über die Hände, wäscht über die Klinge, über den Holzgriff des Messers.» Als extremes Symbol lebensfeindlichen Fortschritts zieht Sterchi den Schlachthof heran. Der Schauplatz seines Romans liegt im «wohlhabenden Land» nahe bei den grossen Bergen, wo der Knuchelbauer seinen Kuhhof weiter auf die überlieferte naturgerechte Weise zu bewirtschaften versucht, seine Kühe vor schindenden Melkmaschinen und künstlicher Besamung verschont, dafür aber einen Melker braucht und diesen im Spanier Ambrosio auch findet. Das Schicksal hat ihn und sein hehres Ansinnen bald erreicht.
Fremdenhass und ein Boykott über den technologiefeindlichen Aussenseiter setzen dem angestrebten tier- und menschenwürdigen Zusammenleben bald einmal ein Ende. Verlangt wird schliesslich kein Fleisch von gesunden glücklichen Kühen, sondern fabrikmässig hochgezüchtete Steaks.

Ernst Därendinger und Werner Wüthrich
Ganz anderen Problemen, wie sie sich aus der modernen Landbewirtschaftung ergeben, nehmen sich der 1921 geborene Ernst Därendinger und Werner Wüthrich an. Beide werden im Rahmen der Solothumer Literaturtage am Freitagabend (20.30 Uhr) in der Säulenhalle des Landhauses zusammen mit Heinz Stalder und Beat Sterchi ein Werkstatt-Gespräch mit Lesungen bestreiten.
In seinem autobiographisch verbürgten Buch fragt sich Därendinger, wie ein Bauer in den Schlingen von Spekulanten und Landwirtschaftspolitikern noch allen Ernstes Bauer bleiben kann. In einer direkten mit Helvetismen und bodenständigem Humor durchsetzten Sprache geht es ihm darum aufzuzeigen, «wie im Irr- und Unsinn unserer Zeit jener Sinn zu finden ist, den es für die Zukunft» und wohl auch für den landwirtschaftlichen Fortbestand braucht.
Was Schlagworte wie «Butterberg», «Milchschwemme», «Pächternot», «Fleischberg» für Landwirte bedeuten, hat der 37jährige Berner Werner Wüthrich in Gesprächen mit Bauern zu ergründen versucht. Seine Erfahrungen und Berichte hat er im Buch «Vom Land» dargelegt, was seinerseits so etwas wie ein Spiegel dessen ist, wie Landwirtschaft aus der Optik der Betroffenen verstanden wird.

Kein gemeinsamer Nenner mehr
In Anbetracht des Methoden- und Formenreichtums lässt sich die «Neue Heimatliteratur» allenfalls auf den gemeinsamen Nenner bringen, dass sie sich nicht auf einen gemeinsamen Nenner bringen lässt. Während etwa die Werke eines Gotthelf, Joachim, Reinhart, eines Cla Biert in der Auffassung der Wirklichkeit vom, gelinde gesagt, gemeinsamen Willen zur Poetisierung durchdrungen sind, lässt sich ähnliches von den Neuen nicht mehr behaupten. Missstände oder das, was die Autoren als Missstände auslegen, sind fern jeder Beschönigung.
Es wird protokolliert, analysiert und seziert. Literarisch aufbereitet werden die Themen teils in einer nüchternen, dann wieder obsessiven, eindringlichen Prosa.
Die Angelegenheit zwischen den alten und neuen Heimatdichtern liegt noch etwas komplexer, wenn der gesamte Kommunikationsprozess nicht ignoriert werden soll, innerhalb dessen die Texte gemacht und gelesen wurden und auch noch werden; also die sozialen, ökonomischen und technischen Aspekte von Produktion, Distribution und Rezeption.
So stammen zum Beispiel die Autoren von Bauernromanen in der Zeit von 1830 bis in die Mitte dieses Jahrhunderts fast ausschliesslich aus dem Bürgertum, im speziellen aus der bürgerlichen Mittelschicht. Auch gibt es Indizien für die Annahme, dass die Leser jener Zeit der Mittelschicht zuzurechnen sind. Die neuen Heimatliteraturautoren aber sind Akademiker, Lehrer und auch Bauern. Analog dazu wäre es heute wünschenswert, wenn sich auch die Leserschaft aufs Berufsbild bezogen breiter fächern würde. Dies zu fördern ist nicht die geringste Aufgabe der Solothumer Literaturtage — auch im Hinblick auf das gemeinsame Abtragen von Butter- und Bücherbergen.
Urs W. Scheidegger

Artikel in der Solothurner Zeitung vom 30. Mai 1984